Investmentausblicke 2023: Emerging market corporate debt 

Mit abnehmender Angst rücken die Fundamentaldaten wieder in den Fokus

Wenn die Angst bei den Anlageentscheidungen der Investoren wieder eine geringere Rolle spielt, dürften die robusten Fundamentaldaten vieler Schwellenländerunternehmen stärker ins Bewusstsein rücken. Das könnte eine konstruktivere Marktphase einläuten, meint Victoria Harling.

23. Nov. 2022

3 minutes

Victoria Harling
Wenn die Angst bei den Anlageentscheidungen der Investoren wieder eine geringere Rolle spielt, dürften die robusten Fundamentaldaten vieler Schwellenländerunternehmen stärker ins Bewusstsein rücken. Das könnte eine konstruktivere Marktphase einläuten, meint Victoria Harling.
Q&A mit Victoria Harling

Emerging market corporate debt

Hören Sie, wie Victoria über den Ausblick für EM-Unternehmensanleihen denkt. (Podcast in englischer Sprache)

Q Welche Faktoren haben die Performance der Anlageklasse im Jahr 2022 maßgeblich bestimmt?

Durch die dramatische Veränderung des Inflationsumfelds und der Ausrichtung der Geldpolitik standen alle Anleihenmärkte im Jahr 2022 unter erheblichem Druck. In unserem Ausblick für 2022 hatten wir diese Faktoren als wesentliche Quellen der Unsicherheit für Anleger identifiziert. Im Rückblick lässt sich ihr Einfluss auf die Finanzmärkte kaum hoch genug einschätzen.

Durch den Nachfrageschub im Nachgang der Coronapandemie und die weltweiten Lieferkettenstörungen schnellte die Inflation in die Höhe. Jegliche Hoffnung auf eine Entspannung der Preissituation wurde durch den Krieg in der Ukraine zerschlagen. Die Schocks auf den Lebensmittelund Energiemärkten verstärkten den Inflationsdruck und zwangen die US-Notenbank (wie auch viele andere Zentralbanken) zu aggressiven Zinserhöhungen. Dies hat die weltweiten Anleihenmärkte enorm unter Druck gesetzt, vor allem aber die Anleihenmärkte der Schwellenländer. Für zusätzliche Belastung sorgten geopolitische Faktoren – der Krieg in der Ukraine und die zunehmenden Spannungen zwischen China und den USA.

Q Welche Trends haben Sie bei Neuemissionen von EM-Unternehmensanleihen beobachtet?

Viele der EM-Unternehmen in unserem Anlageuniversum haben sehr erfahrene Treasury- und Finanzteams. In den vergangenen Jahren haben diese die niedrigen Zinsen genutzt, um Anleihen zu begeben und sich reichlich Finanzmittel für ihre Tätigkeit zu sichern. Als sich das Blatt 2022 wendete und die Finanzierungskosten in die Höhe schnellten, erwies sich dieser Ansatz als äußerst klug. In der Folge haben viele Unternehmen keine Anleihen emittieren müssen – einige haben sogar Anleihen zurückgekauft. Dadurch war das Emissionsvolumen im Jahr 2022 negativ.

Wir glauben, dass dieser Trend anhalten wird, falls die Marktbedingungen schwierig bleiben sollten. Aus Anlegersicht ist entscheidend, dass das begrenzte Angebot die Anlageklasse stützen könnte, sobald die Nachfrage wieder anzieht.

QSollten Anleger China-Anlagen suchen oder meiden?

In unserem Ausblick für 2022 äußerten wir die Hoffnung auf Lockerungen in China. Einige einige ermutigende Schritte hat es diesbezüglich zwar gegeben. Insgesamt sind die Fortschritte im Jahresverlauf aber enttäuschend geblieben. Den Anlegern, die vor allem die politischen Entwicklungen im Blick haben, scheint bislang entgangen zu sein, dass sich die Bewertungen zum Teil sehr stark von den zugrunde liegenden Fundamentaldaten entfernt haben. Das ist ein wichtiger Faktor für die Performance der Anleihenmärkte. Es hat dazu geführt, dass sich ein Großteil der Offshore-Anleger vom Markt zurückgezogen hat, was die Preise für viele Unternehmensanleihen auf ein irrational niedriges Niveau gedrückt hat. Unserer Ansicht nach eröffnen sich dadurch mit Blick auf 2023 einige herausragende Bewertungschancen.

Darüber hinaus weicht die tatsächliche Umsetzung der Covid- Beschränkungen seit dem 20. Parteikongress unseren Beobachtungen zufolge stärker von der erklärten Position der chinesischen Regierung ab als erwartet. Die chinesische Führung reist wieder ins Ausland und empfängt auch wieder ausländische Delegationen im eigenen Land. Außerdem hat China die Quarantäneauflagen für Reisende aus dem Ausland reduziert und viele Städte und Provinzen haben eine weitere Lockerung der lokalen Regelungen angekündigt. Diese ansatzweisen Verbesserungen wurden von den Märkten positiv aufgenommen und könnten einen wichtigen Wendepunkt in Chinas Null-Covid-Politik darstellen. Damit könnte auch der diesbezügliche Ausblick für 2023 besser sein. Allerdings wird dieser Weg kaum reibungslos verlaufen, da ein Wiederauftreten des Virus unvermeidlich ist. Dadurch bleibt der Ausblick mit Unsicherheiten behaftet.

Eine weitere wichtige Überlegung für Investoren betrifft positive Signale in Bezug auf die Richtung der chinesischen Politik: So unternimmt die Regierung konzertierte Maßnahmen zur Verbesserung der internationalen Beziehungen und des globalen Handels. Außerdem sehen wir erhebliche Bemühungen um eine Stärkung der Binnenwirtschaft, mit umfangreichen Maßnahmen zur Unterstützung des chinesischen Immobilienmarktes nach einem schwierigen Jahr 2022. Der Erfolg dieser Maßnahmen wird davon abhängen, wie schnell und entschlossen sie im Jahr 2023 landesweit umgesetzt werden. Hier dürfte noch etwas Geduld gefragt sein.

QSind Sie insgesamt optimistisch für 2023?

Definitiv. 2022 standen die Märkte unter dem Eindruck diverser Makrofaktoren. Das war ein schwieriges Umfeld für unseren fundamentalen, bewertungsorientierten Bottom-Up-Investmentansatz. Wir sehen aber bereits Hinweise auf eine Rückbesinnung der Anleger auf die Bewertungen und ihr Verhältnis zu den zugrunde liegenden Fundamentaldaten. Ein Wendepunkt könnte erreicht werden, wenn die Angst bei den Anlageentscheidungen wieder eine geringere Rolle spielt. Dann könnten die Märkte auch wieder in eine konstruktivere Phase übergehen.

Für einen positiven Stimmungsumschwung dürften Hinweise auf ein Ende des Zinserhöhungszyklus in den USA und positive Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ausschlaggebend sein. Unserer Meinung nach sollten Anleger aber bereits jetzt berücksichtigen, wie extrem die Bewertungen geworden sind. In den vergangenen 20 Jahren waren die Renditen nur während der globalen Finanzkrise so hoch wie aktuell – und die Anleihenbewertungen so niedrig. Unseres Erachtens bietet die Anlageklasse daher auch eine „Stressprämie“, die durch ihre Fundamentaldaten und Risiken nicht gerechtfertigt ist.

Die fundamentale Stärke der EM-Unternehmen ist eine weitere wichtige Überlegung für Anleger und ein Grund für unseren Optimismus in Bezug auf diese Anlageklasse. Die steigenden Kosten haben zwar auf die Gewinnmargen der Unternehmen gedrückt, die Umsätze sind jedoch nach wie vor stabil und der Verschuldungsgrad überschaubar. All das stimmt uns sehr positiv für das kommende Jahr.

Q Wo wird Ihr Schwerpunkt im Jahr 2023 liegen?

Als Bottom-up-Investoren durchforsten wir unser Anlageuniversum nach fundamental soliden, attraktiv bewerteten Vermögenswerten. Etwaige Verwerfungen an den Kreditmärkten werden wir weiterhin für eine selektive Portfoliorotation nutzen. Wir haben uns zuletzt auf der Qualitätskurve nach oben bewegt (d.h. stärker in Anleihen mit höheren Ratings investiert), ohne dafür größere Renditeeinbußen hinnehmen zu müssen.

Allgemeine Risiken. Der Wert von Anlagen und die Erträge hieraus können sowohl fallen als auch steigen. Wenn Kosten dem Kapital entnommen werden, kann dies das künftige Kapitalwachstum einschränken. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Bei Anlagen in einer Währung, die nicht die Heimatwährung des Anleger ist, können Wechselkursschwankungen dazu führen, dass die Renditen steigen oder fallen. Anlage- und Performanceziele können sich ändern und werden möglicherweise nicht erreicht. Verluste sind möglich. Etwaige Risikoereignisse oder -faktoren in den Bereichen Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung können negative Auswirkungen auf den Wert der Anlagen haben.

Spezifische Risiken. Schwellenländer (inkl. China): Anlagen in diesen Märkten sind mit einem höheren Risiko finanzieller Verluste verbunden als Anlagen in weiter entwickelten Märkten, da ihre rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen oder sonstigen Systeme möglicherweise weniger weit entwickelt sind.

Victoria Harling
Portfoliomanager
Victoria ist Head of Emerging Market Corporate Debt und verantwortlich für die Verwaltung der Strategien Emerging...

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